Der Werdenfelser Apenkrimi-Autor Jörg Maurer im Interview

»Wenn die Inspiration fehlt, schreibe ich eben selbst«

Sydney, Kuala Lumpur oder Oberammergau? Hauptsache ein Laptop zum Schreiben! Der Werdenfelser Autor Jörg Maurer ist für seine Alpenkrimis mit Kommissar Jennerwein bekannt. Sein Hang zur Dramaturgie ist klar erkennbar – während des Interviews entsteht eine Kurzgeschichte über Eindringlinge und Heimatgefühl, die Frage nach Gebirg und Wald beantwortet Maurer mit Hexen und Toten und wenn die Inspiration eben gerade mit den anderen Musen unterwegs ist, schreibt er einfach selbst etwas. Ein Interview der besonderen Art.

Herr Maurer, Sie stammen aus dem Werdenfelser Land. Welche Rolle spielt Ihre Heimat für Sie?

Eine zwiespältige. Heimat kann man inzwischen überall finden, man kommt ihr gar nicht mehr aus, sie verfolgt einen auf Schritt und Tritt. Ich sitze momentan im Zug. Das Zugabteil ist leer, und ich habe zwischen Würzburg und Leipzig Besitz davon ergriffen. Und prompt hat sich so etwas wie ein Heimatgefühl eingestellt. Das ist wohl ein Restposten vom Cro-Magnon-Menschen vor dreißigtausend Jahren. Der Rückzug in eine kleine unzugängliche Höhle war für ihn sicher oft überlebenswichtig. „Ist hier noch frei?“ Ich schrecke auf. Ein Eindringling hat den Kopf ins Zugabteil gesteckt. Ich zögere einen kurzen Augenblick, ehe ich bejahe. „Selbstverständlich, setzen Sie sich.“ Dieses kleine, kindische Zögern zwischen dem Ist-hier-noch-frei? und dem Selbstverständlich-setzen-Sie-sich! hat nur den Bruchteil einer Sekunde gedauert, aber ich schäme mich sehr für diese besitzanzeigende Gefühlsaufwallung. Die Aufwallung war nämlich identisch mit dem Gefühl der Heimatliebe.

Könnten Sie wo anders leben?

Das tue ich eigentlich schon, ich bin die Hälfte des Jahres auf Lesungen unterwegs im ganzen deutschsprachigen Raum. Gerade letzthin wurde ich gefragt, ob ich mir vorstellen könnte, in Osnabrück zu leben. Für meine Bücher würde das keine Rolle spielen – sie würden auch entstehen, wenn ich in Syndey, Kuala Lumpur oder Unterammergau leben würde.

Wollten Sie schon immer Autor werden?

Eigentlich ja. Ich war schon als Jugendlicher ein begeisterter Leser. Und ich habe mir oft vorgestellt, wie es wäre, einmal selbst einen Roman zu schreiben. Vor ein paar Jahren habe ich an einem Kurzgeschichten-Wettbewerb teilgenommen. Dabei ist mein jetziger Verlag auf mich zugekommen und hat mir angeboten, etwas zu veröffentlichen. Ich so: „Kurzgeschichten?“ Der Verlag so: „Wir dachten eher an einen Roman.“ Ich: Schwitz. – Aber nach einem halben Jahr war der Roman fertig und ich war froh, dass der Mörder dingfest gemacht worden ist.

Wie sieht ein guter Arbeitstag bei Ihnen aus?

Der sieht dann richtig gut aus, wenn ich abends alles zu Papier (bzw. auf den Bildschirm) gebracht habe, was ich mir am Morgen vorgenommen habe. Hundertprozentig funktioniert das natürlich nur selten. Bei irgendeinem Satz hakt es immer, eine der abgefeuerten Pointen zündet nicht, eine Metapher ist schief. Das wird dann am nächsten Tag korrigiert. Mit der Inspiration ist das allerdings so eine Sache. Die kommt selten dann, wenn man sie braucht. Und herbeizwingen kann man sie auch nicht. Meistens ist sie sowieso auf Auslandstour. Oder sie ist gerade in einer Betriebsratsversammlung mit den anderen Musen. Ich mache es immer so: Wenn ich vor einem unfertigen Kapitel sitze und die Inspiration nach spätestens fünf Minuten nicht kommt, dann lasse ich mir selbst etwas einfallen.

Was ist Ihnen bei Ihren Büchern wichtig?

Dass auf jeder Seite etwas Neues steht.

Auf welches Ihrer Bücher sind Sie besonders stolz? Und welches eines anderen Autors gefällt Ihnen besonders gut?

Das ist jetzt wie bei den eigenen Kindern: Man kann nicht laut sagen, dass man den zweiten Sohn lieber mag als die dritte Tochter. In meinem Fall sind es inzwischen zehn papierene Kinder. Vielleicht ist man auf das älteste und auf das jüngste Buch/Kind immer besonders stolz.

Bei den Büchern anderer Autoren möchte ich unbedingt Arno Schmidt nennen, das ist mein literarisches Vorbild. Von ihm gefallen mir alle Bücher. Weshalb? Da ist schon einmal der grimmige Humor. Dann die große Gescheidtheit, die er einbringt. Das Lästern über Süddeutschland. Das über-sich-selbst-lachen-können. Der Fleiß, all die Millionen Kleinigkeiten zusammenzutragen und aufzuschreiben …

Wald, Gebirg und Königstraum machen den Mythos Bayern aus. Wir haben den Alpenkrimi-Autor Jörg Maurer gefragt, was das für ihn bedeutet:

Was bedeutet für Sie der Wald?

Der Wald ist das Symbol für das Unheimliche, Dunkle und Bedrohliche. Das ist der romantische Quell der Inspiration, aber nur für tiefschwarze Gedanken, sündhafte Einfälle und unbewusste, böse Triebe. Der Wald steht für Irrwege, Hexentänze, Giftpilze und andere Todesfallen. Also nichts wie rein in den Wald!

Was bedeutet für Sie das Gebirge?
Viel! Dort geschehen Untaten in dunklen Schluchten, begangen von namenlosen Berggeistern. Arglose Wanderer werden heimtückisch in die Tiefe gezogen, in spitzsteinigen Felsnischen lauern arglistige Vampire, in eisigen Bergseen sind ganze Städte versunken. Der Berg ruft!

 

Was ist für Sie der Königstraum?

Die königliche Vergangenheit Bayerns ist ja gerade an den Werdenfelsern ein wenig vorbeigegangen. Die „Grafschaft Werdenfels“ ist erst rund 200 Jahre bayrisch, vorher war sie selbstständig, dann wurde sie sozusagen zwangseingegliedert. Der eigenständige und eigensinnige Werdenfelser ist da also immer ein bisschen distanziert. So auch ich. Aber vielleicht gibt es ja einmal den „Wexit“.

Mein Königstraum wäre es übrigens, einmal etwas ganz Ernstes niederzuschreiben. Ob ich das wohl je schaffe?

Landesausstellung 2018: Wald, Gebirg und Königstraum – der Mythos Bayern

Was Reiseführer verschweigen…

…findet sich in dem Buch „Bayern für die Hosentasche“ von Jörg Maurer. Das Buch ist 2016 erschienen und gibt scharfe Beobachtungen aus dem Land des süßen Senfs wieder.

Die Landesausstellung 2018

Die Landesausstellung 2018 findet im Kloster Ettal zum Thema „Wald, Gebirg und Königstraum – der Mythos Bayern“ statt.
Weitere Infos zur Landesausstellung

Der Mythos Wald

In der zugspitz Region ist der Mythos Wald zu Hause. Zahlreiche Veranstaltungen und Angebote machen ihn vor, während und nach der Landesausstellung erlebbar.
Veranstaltungsübersicht

Mythos Gebirge

Der Mythos Gebirg spielt eine zentrale Rolle in den Alpenkrimis von Jörg Maurer. erleben lässt es sich hier in der Zugspitz Region.
Informationen über die Zugspitz Region

Königstraum

Der in Garmisch-Partenkirchen geborene Jörg Maurer ist nicht nur Autor von Alpenkrimis, sondern auch Kabaretist.
Infos über das Original aus dem Werdenfels

Die Alpenkrimis

Die Alpenkrimis von Jörg Maurer erscheinen seit 2009. Hauptfigur ist der Kommissar Hubertus Jennerwein. Die Bücher sind im Fischerverlag erschienen und im Buchhandel erhältlich.