Bergführer aus Leidenschaft

Der Bergführer auf die Zugspitze verkörpert den Mythos Bayern im Gebirge

Im Winter als Bike-Trainer auf Mallorca, im Sommer viermal die Woche als Bergführer auf der Zugspitze. Der Beruf, den Christian Hessing aus Leidenschaft gewählt hat, klingt für viele anstrengend und gefährlich. Für den Garmischer ist es die pure Freiheit.

Über den Klettersteig Eisenzeit auf die Zugspitze

Mit dem Bergführer über die Eisenzeit

Ein rotes Motorrad mit Schaffell auf dem Sitz, ein Fahrer in Lederkluft, aus dem Visier strahlen hellblaue Augen. Christian Hessing ist seit Jahrzehnten Bergführer, seinen Hausberg, die Zugspitze kennt er bestens – auch auf den etwas ungewöhnlicheren Wegen. Er ist also genau der richtige für die heutige Unternehmung: Den Durchstieg der Nordwand über den neuen Steig „Eisenzeit“.

 

Das Wir zählt

Während die ersten Sonnenstrahlen den Gipfel der Zugspitze erreichen, erklärt Christian uns mit einer angenehmen Ruhe die Tour. Sie ist durchaus anspruchsvoll, sie fordert den klassischen Alpinisten. Kletterei bis in den vierten Grad, viel brüchiges Gestein, eine komplizierte Wegfindung machen die Begleitung eines Bergführers notwendig. Mit einer Mischung aus Humor und vertrauenerweckender Routine nimmt er seinen Gästen die Aufregung. „Sobald wir uns unwohl fühlen, nehmen wir das Seil“. Er spricht von „wir“, nicht von „ihr“. Er ist nicht der griesgrämige Bergführer, der die Gäste auf Gipfel schleift. Er ist eher der erfahrene Freund, der einen mit auf Tour nimmt. „Die Menschen, die mit mir unterwegs sind, sollen als Gäste kommen und als Freunde gehen“, beschreibt er seinen Grundsatz.

 

Der Klettersteig Eisenzeit geht bis in den 4. Grad
Klettersteig auf alten Baustellenleitern
Im alten Stollen der Eisenzeit
Aussicht auf Grainau und Garmisch-Partenkirchen

Auf Umwegen zum Bergführer

Christian führt seit über zwanzig Jahren Menschen durch die Berge – immer noch mit der gleichen Leidenschaft wie damals, auch wenn er eher auf ungewöhnlichen Wegen zu dem Beruf des Bergführers kam: Zu Studienzeiten arbeitete er bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften in der Kommission für Gletscherforschung und war für die Betreuung der Messstationen auf dem Vernagtferner zuständig. „Für die Erforschung des Fedschenko Gletschers in Tadschikistan wollten wir EU-Fördergelder bekommen. Wir konkurrierten damals mit dem Max Planck Institut und erhofften uns mit einem Bergführer im Team einen Wettbewerbsvorteil. Ziemlich unromantisch, ich weiß!“ grinst Christian, während wir mit der Zahnradbahn die ersten Höhenmeter zur Zugspitze zurücklegen.

Obwohl Christian schon damals seine Freizeit fast ausschließlich in den Bergen verbrachte, war im die Idee des Führens nie gekommen. Er begann die Ausbildung zum Bergführer und lernte schnell, dass es dabei nicht nur um das Spezialwissen „Bergsteigen“ ging, sondern vor allem auch um das gemeinsame Erleben einer Tour. „Von da an war ich infiziert mit meinem Beruf“. Ihm gehe es vor allem darum, dass die Gäste ein tolles Erlebnis haben. Früher standen für ihn immer neue Touren auf der Wunschliste, heute gehe er auch gerne altbekannte Routen. „Man lernt am Berg seine Gäste ganz gut kennen, man erfährt viel über ihr Leben, ihren Beruf und ihre Interessen. Häufig kommt es zu sehr tiefgründigen Gesprächen. Das ist sehr inspirierend.“

Bergführer Christian Hessing auf der Eisenzeit
Bergführer Christian Hessing genießt den Ausblick

Die Eisenzeit - eine Reise durch die Geschichte

Wir sitzen inzwischen an den Tunnelfenstern mitten in der Nordwand und genießen unsere Brotzeit. Verwahrloste Seilreste wiesen bis jetzt den Weg, ab hier wird unsere Tour in anspruchsvollere Kletterei übergehen. Die „Eisenzeit“, der Steig, der erst vor einem Jahr von einem Bergführerkollegen erstbegangen wurde, führt anfangs über eine Art Klettersteig, der vor fast 100 Jahren für den Bau der Zahnradbahn installiert wurde. Um den Tunnel möglichst schnell fertig zu bekommen, wurde von vier Stellen gleichzeitig gebohrt, die Arbeiter verbrachten Tage mitten in der Wand.

Der vergessene Klettersteig an der Baustelle der Zugspitzbahn

Nach Fertigstellung geriet der Steig in Vergessenheit und verwahrloste völlig. Überdimensionale Schraubenschlüssel, verrostete Leitern und zerfetzte Druckluftschläuche erinnern an die Knochenarbeit von damals. Die Stahlseile hängen heute kaputt aus den Verankerungen, die meisten fallen fast vom Hinsehen aus dem Fels. Ein Klettersteig nach heutigen Gesichtspunkten ist das hier keinesfalls, eher eine verlassene Baustelle, auf der man vor messerscharfen Kanten auf der Hut sein muss.

 

Viermal die Woche auf der Zugspitze

Der Steig endete damals in den Tunnelfenstern, etwa im unteren Drittel der Wand. Heute bieten diese Löcher großartige Fotomotive und einen herrlichen Blick auf Eibsee und die Lechtaler, Allgäuer und Ammergauer Gipfel. Ausgedehnte Wälder erstrecken sich im Tal. Bis zu viermal in der Woche sieht Christian dieses Panorama, wenn auch selten aus der Nordwand. Ob es ihn als Bergführer eigentlich nicht langweile, immer und immer wieder auf den gleichen Berg zu steigen?

„Nein, eigentlich nicht.“ Erst kürzlich führte er eine Tour von Hammersbach auf den Gipfel der Zugspitze, wobei der Gast so fit war, dass auch er als Bergführer ins Schwitzen kam. Nach vier Stunden waren sie oben. „Es gibt immer mehr sehr sportliche Gäste, die in ihrer knappen Freizeit mit einem Profi an der Seite das maximale an Erlebnis herausholen möchten.“ Aber auch der Wissensdurst der Gäste nehme zu, viele wollen möglichst eigenverantwortlich unterwegs sein, den Bergführer nur als Hintersicherung dabei haben. „Das finde ich eine tolle Sache, denn je fähiger ein Gast wird und je besser man ihn kennen lernt, desto anspruchsvollere Touren kann man dann gemeinsam durchführen. Da bekommen Touren eine ganz andere Qualität, denn die Gäste werden nicht nur einfach irgendwo hochgezogen, sondern sind selbst an den Entscheidungen beteiligt.“

Aufstieg vom Höllental zur Zugspitze
Die letzten Meter zur Zugspitze
Blick auf Garmisch-Partenkirchen

Outdoor boomt. Das Risiko auch.

Diese Entscheidungsfreiheit bekommen wir in der Nordwand der Zugspitze auch zu spüren. Mehrmals sichern wir über kurze Strecken. Dass dadurch Zeit verloren geht, spielt keine Rolle. Ohne zu zögern zückt Christian das Seil, häufig auch von sich heraus. Er vermittelt das Gefühl, dass Sichern völlig in Ordnung ist, ganz im Gegensatz zu so manch einem Bild, das im Internet entsteht. „Ich finde das grundsätzlich gut, wenn immer mehr Leute in die Berge gehen. Outdoor boomt eben. Aber wenn sich Fehlverhalten etabliert, Grundregeln, wie zum Beispiel das Anseilen am Gletscher, verharmlost werden oder Amateure Steinschlag oder vermeidbare Rettungsaktionen auslösen, dann sehe ich das mit Sorge.“

 

Bergführer ist sein Traumjob

Nach rund fünf Stunden entsteigen wir der Nordwand und fühlen das erste Mal an diesem Tag Sonne in unserem Gesicht. Christian grinst breit, als wir die letzten Meter zum Grat an seinem Seil aufschließen. Die Berge sind seine Welt, man merkt es in jeder seiner Bewegungen. Sie sind für ihn Rückzugsraum, wirtschaftliche Grundlage und Ruheort in einem. „Ich fühle mich in den Bergen einfach unglaublich wohl. Die Bewegung, die frische Luft, immer neue Gäste... Es ist genau der Beruf, der zu mir passt“.

Wo jedoch in seinen ersten Jahren als Bergführer immer neue Touren und hohe Schwierigkeitsgrade ganz oben standen, geht es ihm heute viel mehr um den Gast, um dessen Erlebnis. „Ich kehre heutzutage viel konsequenter um, wenn etwas nicht passt und habe einen Plan „B“ so dass der Tag trotzdem ein Erfolg wird“. Auch privat sind inzwischen Tage möglich, in denen er nicht nach der nächsten anspruchsvollen Tour jagt, sondern einfach etwas mit seiner Frau und seinen Kindern unternehme. „Mir ist wichtig, dass meine Familie gesund und glücklich ist.“

Das Gipfelkreuz - der Mythos Gebirge

In der Zwischenzeit ist das goldene Gipfelkreuz der Zugspitze für uns zum Greifen nahe. Auf den letzten Metern öffnet sich das Panorama in alle Richtungen, die Bergwelt der Ostalpen, die grünen Täler, grauen Gipfel und türkisfarbenen Seen – ein altbekannter Anblick für den Bergführer Christian. „Hier werden Werte und Traditionen gelebt. Die Landschaft und mit ihr die Menschen, die hier wohnen, bieten den Rahmen und der Tourismus macht es möglich, das alles zu erhalten.“ Ob es ihn nicht auch manchmal in die Ferne ziehe? „Natürlich. Ich möchte die Welt erkunden – die Wüsten, die Steppen, die Urwälder, ich möchte fremde Kulturen erleben und Reisen unternehmen. Aber gleichzeitig weiß ich, dass ich auch immer wieder hier her zurückkommen möchte. Diese Region ist meine Heimat.“

Das Ziel - das Gipfelkreuz der Zugspitze

Wald, Gebirg und Königstraum machen den Mythos Bayern aus. Wir haben den Bergführer Christian Hessing gefragt, was das für ihn bedeutet:

Was bedeutet für Dich der Wald?
Ruhe, Sicherheit, Erholung, Beständigkeit, Lebensraum, gute Luft

Was bedeutet für Dich als Bergführer das Gebirge?
Meine Welt, Rückzugsraum, Herausforderung, Lebensraum

Was ist Dein ganz persönlicher Königstraum?
Die Welt erkunden, die Wüsten, Steppen, Urwälder, fremde Kulturen sehen und erleben, Reisen unternehmen und immer wieder hierher nach Hause zurück kommen

Landesausstellung 2018: Wald, Gebirg und Königstraum - der Mythos Bayern

Der Weg auf die Zugspitze

Die Bayerische Zugspitzbahn BZB betreibt die Zahnradbahn ab Garmisch-Partenkirchen sowie die Eibsee-Seilbahn ab Grainau. Fahrzeiten und Preise finden sich im Netz.

Die Landesausstellung 2018

Die Landesausstellung "Wald, Gebirg und Königstraum - der Mythos Bayern" des Hauses der Bayerischen Geschichte findet 2018 im Kloster Ettal statt. Weitere Infos zur Landesausstellung

Der Mythos Gebirg

Im Landkreis Garmisch-Partenkirchen ist der Mythos Gebirg zu Hause. Zahlreiche Angebote machen ihn vor, während und nach der Landesausstellung erlebbar. Veranstaltungsübersicht

Sicher auf die Zugspitze bergsteigen

Der Aufstieg auf die Zugspitze ist anspruchsvoll und bedarf einer gründlichen Planung Infos in der DAV-Broschüre.

Die Zugspitz Region

Viele Wege und Möglichkeiten führen auf Deutschlands höchsten Berg. Hier findest Du eine gute Übersicht zur Zugspitze.

Mit dem Bergführer auf die Zugspitze

Christian Hessing betreibt seit 1997 in Garmisch-Partenkirchen die Bergschule bergfuehrer.com

Weitere Infos hier...